Aversion

Aus Siebel/Winkler: Noosomatik Bd. I:

Eine Aversion entsteht durch Umwandlung eines vom Kollektiv draussen (z.B. Familie) nicht erwünschten Impulses, mit der sich das Kind in das Kollektiv eingepasst hat, um die Versorgung, auf die es angewiesen ist, zu gewährleisten, wobei die Fähigkeit zur Angewiesenheit umgewandelt worden ist in das noogene Dogma der Abhängigkeit von dieser Umwandlung, um überleben zu können.

Die Differenzierung der Aversion ergibt sich aus dem jeweiligen Umwandlungszusammenhang, der wegen der notwendigen Unterdrückung eigener Anteile als "Verwundungsatmosphäre" mit benennbaren VA-Tendenzen, die von aussen an das Kind herangekommen sind, bezeichnet wird.

Wir sprechen von der "Verwundungsatmosphäre" (VA), da die Rücknahme (Unterdrückung, Blockade) sinnvoller, genuiner Anteile mit wirklichem Schmerz verbunden ist. Die Rücknahme geschieht durch eine nervale Aktion (Parasympathikus), die Hormone freisetzt (z.B. Serotonin) und dadurch dem Gehirn "Schmerz" signalisiert. Falls diese Erfahrung wiederholt gemacht wird, wird eine Blockade vor die Denkbarkeit der Möglichkeit gesetzt, wieder in eine solche Erfahrung zu geraten. Diese Blockade ist ein notwendiger Schutz in der Kindheit, bleibt jedoch im Unterbewussten des Geistes so lange als Möglichkeit bestehen, wie sie nur von unbewussten Einflüssen abhängig bleibt.

Eine Aversion ist ein komplexes Relationsgebilde, in dem dem Eigenen eigentlich heterogene Elemente zu einem homogenen Referenz-System mit Hilfe physiologischer Möglichkeiten zusammengefügt worden sind und Präferenzeffekte den Umgang im Hinblick auf die eigene Interpretation von Welt bestimmen, wodurch das Denken des Menschen in den so begrenzten Bereich eingebunden ist. Das Bewusstsein und das, was unbewusst ist, erscheinen ebenfalls als relationiert mit dem Ziel des Erhalts der in der Kindheit erarbeiteten Versorgungsmentalität. Der gehirnphysiologische Ort einer Aversion ist das Frontalhirn (die Areae 47 und 11). Ihre Informationswege sind die Nervenbahnen. Widersprüche mit den von den Organen selbst bestimmten Tätigkeiten (jedes Organ tut das, was es kann, die Funktion ist der Effekt!) können zu Symptomen führen, die als Krankheit verstanden werden können, jedoch nicht im Sinne einer Unart, sondern als Zeichen für die inneren Widersprüche bei Dominanz der noogenen (von den Gehirnzellen des Geistes kommenden) Informationen.

Für das Kind sind die Eltern sinngebende Instanz (abgekürzt "sI"), da von ihnen angefärbt wird, was aus den Widerfahrnissen von "leben" heraus auf das Kind trifft und es herausfordert zu Antwort und Umgang. Die Fähigkeit, zwischen sich und den Eltern zu unterscheiden (und im Gefolge damit zwischen Selbst und Nichtselbstigem, zwischen drinnen und draussen), ist in dem Masse eingeschränkt, wie die VA-Tendenzen das Kind in den Möglichkeiten dazu eingrenzen. Allgemein bedeuten Grenzerfahrungen Möglichkeiten, Sinn zu begegnen, Sinnerfahrungen machen zu können. Ich spreche deshalb sachgemäss und ohne Wertung von "schädigender Erziehung" (abgekürzt "sE", Synonyme sind Verwundung bzw. Verwundungsatmosphäre = VA; andere sprechen von traumatisierend und meinen das gleiche), womit ich das verwundende (traumatisierende) Verhalten im Hinblick auf den Umgang mit dem Kind meine und die Eingrenzung von Sinnerfahrungen durch die erziehenden Personen, in der Regel die Eltern.

Eltern erziehen aus ihrer Selbstvorstellung heraus, die ihnen teilweise bewusst und zum grossen Teil eben auch unbewusst ist. Ihre Vorstellung von sich selbst und vom Kind ist in ihrem Umgang stets anwesend. Das Kind gerät in die Situation, diese Vorstellungen stützen zu sollen, da die sE auf die Reproduktion ihrer eigenen Erfahrungen und der Stützung ihrer Schlussfolgerungen zielen. Dadurch wird sie zur (pseudo-)sinngebenden Instanz (abgekürzt psI) für das Kind.

Der Lebensstil (abgekürzt LS) als etwas Gemachtes ist einerseits für jemand anderen da (die erziehende Person) und andererseits für einen Effekt, der dann für ihn selbst (für den Lebensstil selbst als Selbsterhalt und Sicherungstendenz, wie auch für den Menschen, der diesen Lebensstil praktiziert!) da ist. Als Effekt der gewünschten Effekte wird die Hoffnung auf "Heilung" der Verwundung auf die verwundende Person gesetzt: wer verwundet hat, weiss auch zu heilen - lautet die Überlebensregel.

In seinen Verwundungserfahrungen (VA) schaut sich das Kind, zwar bei sich bleibend, mit den Augen des Verwundenden, also gleichsam von ausserhalb an. Es schaut seine 'Schwäche', (die Folge des Zwangs, bestimmte eigene positive Anteile unterdrücken zu sollen), die im Verwundetwordensein erfahren wurde, und zugleich erlebt es daneben das Nicht- bzw. Nochnicht-Verwundetsein von Eigenem und deutet die Befindlichkeit vor der VA-Situation gleichermassen positiv (d.h. als Erfahrung einer Position in den Widerfahrnissen von "leben"). Es entwickelt (ergänze: als Effekt) die Sehnsucht nach der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes (das wird zum neuen Inhalt von Hoffnung). Diese Sehnsucht nimmt das Kind an, macht deren Erfüllung jedoch draussen dort fest, woher die Verwundung gekommen ist. Dies setzt den Menschen zwar in den Stand, Verwundung von Nichtverwundung, gleichsam Hölle von Paradies, zu unterscheiden, die irrtümliche Selbstvorstellung aus der VA und die Projektion auf den Verwundenden vermindern jedoch die Anwendungsmöglichkeiten dieser Fähigkeit. Die noogenen Vorstellungen, die sich der Mensch von einem Paradies macht, sind Projektionen, die die an die aversive Familienatmosphäre angepasste Erklärung für ein Nicht-zulassen-dürfen wesentlicher eigener positiver Anteile und Erfahrungsprodukte mit der Gewissheit von Seindürfen abbilden.

Das Kind registriert also nicht, dass etwas in ihm selbst das Überleben ermöglicht hat: die Heilungstendenz (abgekürzt HT).

Dieses Phänomen lässt sich oft genug bei Kranken beobachten, die ihre Heilungsmöglichkeit auf den Arzt projizieren. Doch nicht die Medizin heilt, auch nicht der Arzt, es wird vielmehr die Heilungstendenz des Kranken unterstützt, damit er gesund werden kann. Doch wird auch die Gesundung fälschlich dem Arzt "angelastet", was ihn in eine Situation bringen kann, nur noch "funktionieren" zu wollen, um die erwünschte "Funktionstüchtigkeit" des Patienten oder der Patientin "herzustellen".

Bei der Entstehung des Menschen ist der Zeitfaktor bedeutsam für seine Individualität. Keine Oozyte ist mit einer anderen identisch, kein Spermium mit anderen. Dieser Zeitfaktor weist auf den Sinn (und gegen Monod "Le hasard et la nécessité", 1970). Nach verbreiteter Konvention wird die Instanz, die Sinn gebe, einer Gottheit zugeordnet. Wir verwechseln also aufgrund unserer VA die verwundende Person als psI mit einer später erworbenen Gottesvorstellung.

Die Selbstvorstellungen der Eltern bedeuten für das Kind unüberwindbare Grenzen, "jenseits" derer es jedoch die Heilung vermutet (so umgangssprachlich "glauben" verstanden). Es vertraut den ausgesprochenen und vermuteten Versprechungen, verdrängt Wahrnehmungen, die diesen Vermutungen entgegenstehen und verwertet das Machbare. Eltern suchen zwar ihr Kind und sein Inneres, doch auf eine Art (wegen der Anfärbungen des eigenen unterbewussten Lebensstils), die eigentlich ein "Ver-suchen" ist - im doppelten Sinne! Wer kann das ver-irrende Suchen (wie z.B. in einer Sucht) von dem Suchen unterscheiden, das auch "finden" wird?

Die unüberwindbaren Grenzen werden als Einlass, wenn auch noch versperrt, geschaut, als Einlass in das "Paradies". Es ist noch tabu; Zittern durchläuft den Körper bei dem Gedanken des Eintritts: Furcht und Zittern. Bei sE nennen wir es jedoch "freudige Erregung". In den religiösen Bereich transportiert heisst es dann religionswissenschaftlich "tremendum" (Rudolf Otto "Das Heilige", 1936).

Das Verhalten in der sE ist der eigent-lichen Organisation des Riechhirns und des Hippocampus (unserem Gefühlszentrum) "rätselhaft". Die natürliche Hingabe des eigenen Gefühls, vom Körper und seiner Physiologie getragen, erhält Formvorschriften im kausal-synthetischen Sinn des "wenn-dann" und der Verwechslung des post hoc (nach diesem) mit dem propter hoc (wegen dieses) (Hume). Diese Rätselhaftigkeit fordert Lösung: aversiv wird geraten, adversiv sich gelöst von diesen Vorstellungen. Das Kind kann nur aversiv raten, das Rätsel bleibt ihm ungelöst, da die Ursache für das Verhalten der sE dem Kinde nicht offenbar wird. Dabei wird die Heilungstendenz (HT) übersehen und damit das Geheimnis von Widerfahrnissen von "leben". Der Schritt, das Geheimnis (das Ge-heim-nis, das mir Heim-at gibt) der wirklichen sinngebenden Instanz mit der elterlichen Rätselhaftigkeit zu verwechseln, ist schnell getan.

Da die eigene Heilungstendenz (HT), jene Energie, die eine VA überleben hilft, unbewusst und ohnehin dem Neugeborenen geistig nicht zugänglich ist, kann sie der Versorgungslage draussen zugeordnet werden, als habe Mutter oder Vater das Überleben gesichert. Dadurch wird der sE stets "heilende" Funktion zugedacht und jede Entfernung von ihren Anordnungen mit der Todesidee verbunden. Das führt zu dem Paradox, dass jede VA-Tendenz als "heilsam" empfunden wird. Der Mensch fühlt sich dann nur in einer VA "richtig" und "wohl". Deshalb suchten wir Menschen nicht nur unseren Freundeskreis nach den Assoziationen der VA aus, sondern auch der Partner oder die Partnerin entspricht mindestens einer Person aus dem Bereich der sE, - in der Regel dem, dem die heilsamste Wirkung zugedacht wird.

Die Folgen können dem Menschen sozusagen in "Fleisch und Blut" übergehen (also nicht nur in ein Verhaltenssystem), was dann auch durch Laboruntersuchungen erkennbar wird (siehe Siebel/Winkler: Noosomatik Bd.VI.2).